Viele Hände wirkten mit an den zwei großen Bildteppichen, auf denen das Gedicht Sii dolce con me. Sii gentile (Sei sanft mit mir) der italienischen Lyrikerin Mariangela Gualtieri auf italienisch und deutsch zu lesen ist. Auf Einladung der Frauenkunstwerkstatt von Spectrum waren Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, mitzuwirken. Nun wird das zweiteilige Kunstwerk als symbolische Geste dem Karlspreisträger Mario Draghi zum Geschenk gemacht. Es ist an den Tagen der Preisverleihung im Aachener Domhof zu sehen.
Sei sanft mit mir, schreibt Mariangela Gualtieri in ihrem Gedicht und erinnert an die Zartheit menschlichen Seins, an die Notwendigkeit behutsamen Handelns im Umgang miteinander. Eine Haltung, sogar eine leise Einladung, die in diesen Tagen angesichts der vielen Kriege und ruchloser Machtpolitik seltsam anachronistisch wirkt – und doch aktueller und drängender nicht sein könnte.
Monika von Bernuth, Leiterin der Spectrum-Werkstätten wählte dieses Gedicht, um der männlich dominierten Weltpolitik und ihren „Dealmakers“ etwas entgegenzusetzen: eine alternative Erzählung, die jetzt, wo deutlich wird, dass die bisherigen Versuche, den Problemen dieser Welt mit Stärke, Härte und Abschreckung zu begegnen, zu immer mehr Problemen führen, zunehmend bedeutsam wird. Achtsamkeit, Zartheit und die Dankbarkeit vor dem Leben als Ausgangspunkte für eine gesamtgesellschaftliche wechselseitige Verantwortung finden Ausdruck in Mariangela Gualtieris Worten wie auch in der Technik, in der sie in den Bildteppichen manifest werden: Das Sticken ist eine Handwerkskunst, die Dauer und Beharrlichkeit genauso wie Sanftheit mit dem Material und Fingerspitzengefühl voraussetzt.
Bereits im Jahr 2022 hatte der Rheinische Verein gemeinsam mit der belarussischen Künstlerin Rufina Bazlova eine öffentliche Stickaktion im Karlspreiskontext realisiert. Damals entstand ein textiles Zeichen der Solidarität mit den Preisträgerinnen aus Belarus. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich. Das gemeinsame Arbeiten wurde zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs.
Auf Initiative von Spectrum werden in diesem Jahr die zwei Bildteppiche mit dem Gedicht in zwei Sprachen dem diesjährigen Karlspreisträger Mario Draghi zum symbolischen Geschenk durch die Aachener Stadtbevölkerung gemacht. Es ist ein Bekenntnis für Europa und seine Bedeutung. Im Spannungsfeld der Karlspreisverleihung wird das Gedicht erneut zu einer Einladung: Europa sollte entschlossen handeln und seine Zukunft aktiv gestalten – doch mit Achtsamkeit für die Würde eines und einer Jeden und mit Respekt und Zärtlichkeit gegenüber dem Leben.
Sii dolce con me
Bildteppiche mit dem Gedicht von Mariangela Gualtieres in zwei Sprachen
Donnerstag | 14.05.2026 (Christi Himmelfahrt) | Domhof Aachen
Sii dolce con me. Sii gentile
Mariangela Gualtieri
Sii dolce con me. Sii gentile.
È breve il tempo che resta. Poi
saremo scie luminosissime.
E quanta nostalgia avremo
dell‘umano. Come ora ne
abbiamo dell‘infinità.
Ma non avremo le mani. Non potremo
fare carezze con le mani.
E nemmeno guance da sfiorare
leggere.
Una nostalgia d‘imperfetto
ci gonfierà i fotoni lucenti.
Sii dolce con me.
Maneggiami con cura.
Abbi la cautela dei cristalli
con me e anche con te.
Quello che siamo
è prezioso più dell‘opera blindata nei sotterranei
e affettivo e fragile. La vita ha bisogno
di un corpo per essere e tu sii dolce
con ogni corpo. Tocca leggermente
leggermente poggia il tuo piede
e abbi cura
di ogni meccanismo di volo
di ogni guizzo e volteggio
e maturazione e radice
e scorrere d‘acqua e scatto
e becchettio e schiudersi o
svanire di foglie
fino al fenomeno
della fioritura,
fino al pezzo di carne sulla tavola
che è corpo mangiabile
per il mio ardore d‘essere qui.
Ringraziamo. Ogni tanto.
Sia placido questo nostro esserci –
questo essere corpi scelti
per l‘incastro dei compagni
d‘amore.
Mariangela Gualtieri , „Sii dolce con me. Sii gentile.“, in: Bestia di gioia, S. 124f. Einaudi, 2010.
Sei sanft mit mir. Sei freundlich
Mariangela Gualtieri
Sei sanft mit mir. Sei freundlich.
Kurz ist die Zeit die bleibt. Danach
werden wir hellste Leuchtschweife sein.
Und wie sehr werden wir uns sehnen nach
dem Menschlichen. So wie jetzt
nach Unendlichkeit.
Aber wir werden keine Hände haben. Werden keine
Hände zum Liebkosen haben.
Und auch keine Wangen zu zarter
Berührung.
Eine Sehnsucht nach dem Unvollkommenen
wird unsere leuchtenden Photonen aufbauschen.
Sei sanft mit mir.
Geh achtsam mit mir um.
Sei behutsam wie mit Kristall
mit mir und auch mit dir.
Was wir sind
ist wertvoller als jede unterirdisch gebunkerte Kunst.
Es ist voll Gefühl und zerbrechlich. Das Leben braucht
einen Körper, um zu sein und du sei sanft
zu jedem Körper. Berühre leicht
leicht setze deinen Fuß
und gib acht
auf jeden Mechanismus zum Fliegen
jedes Zucken und Kreisen
und Reifen jede Wurzel
jedes Fließen von Wasser und Springen
und Picken und Aufgehen oder
Welken von Blättern
bis hin zum Phänomen
des Blühens
bis hin zum Stück Fleisch auf dem Tisch
das essbarer Körper ist
für dein und mein verlangendes Hiersein.
Danken wir. Hin und wieder.
Sanftmütig sei unser Dasein –
dieses Körpersein geschaffen
für das Ineinander der Gefährten
der Liebe.
Übersetzung: Elsbeth Gut Bozzetti
